Was ist ein Sachverständiger? / Was ist ein Gutachter?

Ein Sachverständiger bzw. Gutachter ist stets eine natürliche Person, die über eine besondere Sachkunde auf einem bestimmten Gebiet verfügt. Sie weist auf diesem Gebiet eine überdurchschnittliche Expertise auf. Er trifft aufgrund eines Gutachtenauftrages allgemeingültige Aussagen über einen ihm vorgelegten bzw. von ihm festgestellten Sachverhalt. Man spricht an dieser Stelle von sog. Anknüpfungs- bzw. Befundtatsachen. Anknüpfungstatsachen werden dem Gutachter (z. B. durch die Gerichtsakte) vorgegeben und werden vom Gutachter geprüft und plausibilisiert. Befundtatsachen werden von ihm erhoben, z. B. im Rahmen des Ortstermins. 

Ein Sachverständiger beantwortet dabei stets nur Fachfragen, niemals Rechtsfragen. Das wäre ein Verstoß gegen das Rechtsdienstleistungsgesetz. Die Beantwortung von Rechtsfragen hat stets nur durch rechtskundige Personen (z. B. Rechtsanwälte) zu erfolgen. Ein Gutachter kann also beispielsweise die Frage beantworten, ob es sich bei dem schwarzen Belag auf der Tapete um Schimmelpilz handelt. Er kann möglicherweise auch die Frage beantworten, was die Ursache für den Schimmelpilz ist. Er kann und darf aber nicht die Frage beantworten, ob der Vermieter das Recht hat, vom Mieter ein bestimmtes Verhalten zu verlangen. Insofern vermittelt der Sachverständige Fachkenntnisse, die dem Auftraggeber des Gutachtens fehlen. Er teilt ihm Erfahrungssätze mit oder stellt mittels seiner Sachkunde (Befund-)Tatsachen fest oder bewertet (Anknüpfungs-)Tatsachen mit Hilfe der Erfahrungssätze seines Wissensgebietes. 

Der Begriff Sachverständiger bzw. Gutachter ist dabei synonym zu verwenden. Es gibt an dieser Stelle zwischen den Begriffen keinen Unterschied. Der Begriff Sachverständiger bzw. Gutachter ist gesetzlich nicht geschützt. Das bedeutet, dass jeder, der auf einem Fachgebiet über eine besondere Sachkunde verfügt, sich Sachverständiger oder Gutachter nennen darf. Von daher gibt es keine gesetzlich vorgeschriebene Ausbildung für Sachverständige. 

Lediglich der Begriff des "öffentlich bestellten und vereidigten" Sachverständigen (kurz: ö. b. u. v.) ist gesetzlich in § 36 der Gewerbeordnung (GewO) geschützt. Kein Sachverständiger darf demnach unberechtigterweise den Anschein erwecken, er sei öffentlich bestellt und vereidigt. Diese öffentliche Bestellung und Vereidigung, hat ihren Ursprung darin, dass Gerichte besonders qualifizierte Sachverständige mit der Gutachtenerstellung beauftragen wollten, die ihr Gutachten stets unabhängig, weisungsfrei, persönlich, gewissenhaft und unparteiisch abgeben. Deshalb werden ö. b. u. v. Sachverständige im Rahmen der Vereidigung auch auf die Einhaltung dieser Kardinalpflichten verpflichtet. Was für ö. b. u. v. Sachverständige festgeschrieben ist, ist für zertifizierte Sachverständige jedoch genauso verpflichtend. Dafür sorgt bei ihnen allerdings die Zertifizierungsstelle. Es gibt nämlich die öffentliche Bestellung und Vereidigung nicht in allen europäischen Ländern. Die Länder der Europäischen Union haben sich aber zum freien Waren und Dienstleistungsverkehr innerhalb der EU verpflichtet und aus diesem Grund die Zertifizierung nach DIN EN ISO/IEC 17024 geschaffen. Gutachter mit dieser Zertifizierung haben gegenüber der Zertifizierungsstelle nachgewiesen, dass sie ebenso gut qualifiziert sind, wie ein ö. b. u. v. Sachverständiger. Hierzu haben wir auch schon einige Ausführungen auf folgenden Seiten unserer Homepage für Sie bereit gestellt:


Freie Sachverständige

Wie bereits erläutert, ist der Begriff des Sachverständigen oder Gutachters rechtlich nicht geschützt. Jeder, der auf einem bestimmten Fachgebiet eine besondere Fachkunde besitzt, darf sich Sachverständiger bzw. Gutachter nennen. Für freie Gutachter ist es daher besonders wichtig, den Erwerb dieser besonderen Sachkunde (z. B. durch Aus- und Weiterbildung) darzustellen. 


Verbandssachverständige

Zivilrechtliche Berufs- bzw. Fachverbände stellen einen ersten wichtigen Meilenstein in der Qualitätssicherung dar. Hier prüft der Verband, um dessen Aufnahme sich der Gutachter bemüht, ob der Gutachter aufgrund seiner Vita über eine solche besondere Fachkunde verfügt. Allerdings handelt es sich hierbei in aller Regel nur um eine Unterlagenprüfung. Oftmals stellen die Verbände als Aufnahmevoraussetzung das Vorhandensein einer Vermögensschadenhaftpflichtversicherung als Bedingung. Wenn der Sachverständige die Aufnahmekriterien (i. d. R. Qualifikation und Erfahrung) erfüllt, so erhält er vom Verband eine Anerkennungsurkunde und darf fortan den Stempel des Verbandes (meist einen Ovalstempel) verwenden. Der Gutachter muss sich verpflichten, die Standes- bzw. Ethikrichtlinien des Verbandes einzuhalten und sich regelmäßig fortzubilden. Beispiele für solche Verbände sind:


Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige

Wie bereits erwähnt, ist dieser Begriff gesetzlich geschützt. Ö. b. u. v. Sachverständige werden durch eine sog. Bestellungskörperschaft öffentlich bestellt und vereidigt. Diese Bestellung erfolgt i. d. R. für 5 Jahre. Anschließend kann eine Wiederbestellung erfolgen. Hierzu muss der ö. b. u. v. Sachverständige der Bestellungskörperschaft die Bestellungsvoraussetzungen nachweisen. Dann darf er den von der Bestellungskörperschaft (z. B. IHK, Handwerkskammer, Ingenieurkammer etc.) herausgegebenen Rundstempel (Siegel) verwenden. 


Zertifizierte Sachverständige

Darüber hinaus gibt es noch zertifizierte Sachverständige, die von einer anerkannten Zertifizierungsstelle ihre Zertifizierungsurkunde erhalten. Dabei ist eine sog. Personenzertifizierung gemeint und nicht die Bürozertifizerung, beispielsweise nach DIN EN ISO 9001ff. Bei solch einer Personenzertifizierung wird im Unterschied zur reinen Bürozertifizierung (Zertifizierung eines Qualitätsmanagementsystems - QM-System) der Gutachter selbst und nicht nur die Verfahrensabläufe in seinem Büro einer Qualitätskontrolle unterzogen. 

Solche Zertifizierungsstellen können die DEKRA oder der TÜV sein, aber auch europaweite Zertifizierungsstellen sind berechtigt, die Zertifizierung nach DIN EN ISO/IEC 17024 auszusprechen. Dazu muss der Gutachter eine (meist mündliche und schriftliche) Fachprüfung absolvieren und mehrere Gutachten einreichen, anhand derer die Zertifizierungsstelle die Qualität der erstellten Gutachten überprüft. Diese Überprüfung (Re-Zertifizierung) muss anschließend aller 3 Jahre erfolgen. 

Der nach DIN EN ISO/IEC 17024 zertifizierte Gutachter erhält von einer akkreditierten Zertifizierungsstelle ebenfalls ein Rundstempel (Siegel), wie der ö. b. u. v. Sachverständige. Immer mehr erfolgt die Gleichstellung der nach DIN EN ISO/IEC 17024 zertifizierten Sachverständigen mit den ö, b. u. v. Gutachtern, wie folgende Beispiele verdeutlichen:

  • Bewertungsgesetz (BewG): Die ausschließliche Zuständigkeit der ö. b. u. v. Sachverständigen wurde gestrichen.
  • Erbschaftsstuerrichtline (ErbStR): Die in der ErbStR 2003, R 162 Satz 2 und R 177 Satz 2 verankerte, ausschließliche Zuständigkeit der ö. b. u. v. Sachverständigen wurde gestrichen.
  • Investmentgesetz (InvG): In der amtlichen Begründung zu § 77 Abs. 2 InvG erfolgte die explizite Gleichstellung von nach DIN EN ISO/IEC 17024 zertifizierten Sachverständigen mit den ö. b. u. v. Gutachtern (vgl. Deutscher Bundestag, Drucksache 16/5576). 
  • Pfandbriefgesetz (PfandBG): Bei der Beleihungswertermittlung verlangt das PfandBG keine öffentliche Bestellung und Vereidigung, sondern explizit nur ausreichende Fachkenntnisse in der Beleihungswertermittlung, wie es von den Zertifizierungsstellen i. d. R. im Rahmen der Zertifizierung nach DIN EN ISO/IEC 17024 abgeprüft wird (vgl. § 16 Abs. 1 PfandBG).
  • Beleihungswertverordnung (BelWertV): In § 6 der BelWertV wird konkret auf nach DIN EN ISO/IEC 17024 zertifizierte Sachverständige verwiesen, die Beleihungswertgutachten zu erstatten haben. Es wird hier Bezug auf § 16 Abs. 1 des PfandBG hergestellt.
  • Kommunalverfassung Mecklenburg-Vorpommern: Nach § 56 der Kommunalverfassung für das Land Mecklenburg-Vorpommern (KV M-V) i. V. m. der Durchführungsverordnung zur Kommunalverfassung (KV-DVO) haben Gemeinden das Recht, Vermögensgegenstände (z. B. Grundstücke) zu veräußern, sofern sie nicht zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigt werden. Diese Veräußerung hat dann jedoch (abgesehen von einigen Ausnahmen) zum vollen Wert zu erfolgen. Hierfür benötigen die Gemeinden i. d. R. ein Gutachten. Gemäß Ziffer 6.4.1 des Durchführungserlasses zu § 56 der Kommunalverfassung des Ministeriums für Inneres und Europa des Landes Mecklenburg-Vorpommern vom 13.12.2018 (VV Meckl. Vorp. Gl-Nr. 2020-23, AmtsBl. M-V 2018, S. 683, geändert durch Verwaltungsvorschrift vom 01.03.2019, AmtsBl. M-V 2019, S. 369) sind nun neben ö. b. u. v. Sachverständigen explizit auch nach DIN EN ISO/IEC 17024 zertifizierte Sachverständige zugelassen.

Nur im Bereich der Zivilgerichtsbarkeit fehlt es aufgrund der Ausführungen in der Zivilprozessordnung noch an einer solchen Gleichstellung. 


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